Wachstumsbremse Bürokratie: Vier von fünf Unternehmen klagen über steigende Belastung
Obwohl der Abbau von Bürokratie seit Jahren auf der politischen Agenda steht, sieht die Realität in der deutschen Wirtschaft anders aus. In den vergangenen drei Jahren ist der administrative Aufwand für Unternehmen massiv gestiegen. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt auf, wo das System hakt – und welche Lösungen sich die Wirtschaft wünscht.
Für die Mehrheit der deutschen Unternehmen wird die Erfüllung gesetzlicher Berichts- und Dokumentationspflichten zunehmend zur Belastungsprobe. Das ist das zentrale Ergebnis einer repräsentativen Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Herbst 2025, an der über 1.000 Betriebe teilgenommen haben.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
- 80 Prozent der befragten Unternehmen verzeichnen einen gestiegenen bürokratischen Aufwand in den letzten drei Jahren.
- Mehr als 50 Prozent sprechen dabei sogar von einem deutlichen Anstieg.
- Lediglich 1,5 Prozent der Betriebe spüren eine Entlastung.
Langsame Verwaltung als Standortnachteil
Die Studie deckt auch auf, wo die Unternehmen die größten Reibungsverluste in der Zusammenarbeit mit Behörden sehen. Die Kritik richtet sich vor allem an die Geschwindigkeit und Flexibilität der Verwaltung:
- 70 Prozent der Unternehmen empfinden Verwaltungsverfahren als zu langsam.
- 60 Prozent kritisieren, dass Behörden ihre bestehenden Ermessensspielräume nicht ausreichend nutzen.
- Rund 50 Prozent bemängeln fehlende Kapazitäten bei der Antragsbearbeitung oder zweifeln an der fachlichen Expertise der Sachbearbeiter – ein alarmierendes Signal für einen Standort, dessen Behörden jahrzehntelang für ihre hohe Fachkompetenz bekannt waren.
Die Forderungen der Wirtschaft: Digitalisierung, Vertrauen und weniger EU-Vorgaben
Die befragten Unternehmen haben klare Vorstellungen davon, wie ein effektiver Bürokratieabbau gelingen kann. An erster Stelle steht dabei die Reduzierung von Vorgaben auf europäischer Ebene: Über 90 Prozent fordern weniger kleinteilige EU-Regulierungen.
Gleichzeitig wird der Ruf nach technologischer Modernisierung lauter. Rund drei Viertel der Betriebe sehen in einer zentral organisierten, digitalen Verwaltung den wichtigsten Hebel zur Entlastung. Hier zeigt sich ein enormes Potenzial für den Einsatz moderner IT- und Automatisierungslösungen, um das von IW-Experte Klaus-Heiner Röhl kritisierte „Zuständigkeitswirrwarr“ zu beenden.
Interessant ist auch die Bereitschaft der Wirtschaft zu pragmatischen Kompromissen: Um Entscheidungen in den Behörden zu beschleunigen, sprechen sich über 60 Prozent der Unternehmen dafür aus, die persönlichen Haftungsrisiken für Verwaltungsmitarbeiter bei Fehlentscheidungen zu senken. Im Gegenzug wären viele Betriebe sogar bereit, strengere eigene Haftungsregeln zu akzeptieren, sofern der Gesetzgeber im Vorfeld auf detaillierte Regulierungen verzichtet.
„Statt immer detaillierter zu regulieren, muss die Politik den Unternehmen mehr Vertrauen schenken und Verwaltungsmitarbeitern Entscheidungsspielräume geben. Mit einer digitalen Verwaltung und enger föderaler Zusammenarbeit können die Behörden das Zuständigkeitswirrwarr beenden.“ > – Klaus-Heiner Röhl, Bürokratieexperte beim IW