„Die meisten Unternehmen wissen nicht, wo sie stehen" — Ein Gespräch über KI-Readiness

Dr. Sandra Merk berät DAX-Konzerne und Mittelständler bei der KI-Transformation. Im ki4B-Gespräch erklärt sie, warum der erste Schritt kein Tool ist – sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme.

„Die meisten Unternehmen wissen nicht, wo sie stehen" — Ein Gespräch über KI-Readiness

„Die meisten Unternehmen wissen nicht, wo sie stehen"

Ein Gespräch über KI-Readiness mit Dr. Sandra Merk

Dr. Sandra Merk ist Unternehmensberaterin und Autorin mit Spezialisierung auf digitale Transformation und KI-Strategie. Sie hat über 120 Unternehmen im deutschsprachigen Raum bei der Einführung von KI-Systemen begleitet – von DAX-Konzernen bis zum Familienunternehmen im Schwarzwald. Ihr Buch „KI-Readiness" erscheint im Herbst 2025 bei Haufe.

Es gibt Berater, die KI verkaufen. Und es gibt
Berater, die ehrlich sagen, wenn ein Unternehmen
noch nicht bereit ist. Dr. Sandra Merk gehört
zur zweiten Gruppe.

Im Gespräch mit ki4B erklärt sie, warum ein
KI-Audit der wichtigste – und am häufigsten
übersprungene – Schritt in jeder
Transformationsstrategie ist.


ki4B: Frau Dr. Merk, Sie sprechen in Ihrer
Beratungsarbeit oft von „KI-Readiness".
Was meinen Sie damit genau?

Dr. Merk: Readiness bedeutet nicht, dass ein
Unternehmen bereits KI einsetzt. Es bedeutet,
dass es die Voraussetzungen geschaffen hat,
um KI sinnvoll einzusetzen. Das klingt banal,
ist es aber nicht. Die meisten Unternehmen,
die zu mir kommen, haben bereits ein Tool
gekauft – und wundern sich, warum es nicht
funktioniert. Die Antwort ist fast immer
dieselbe: Sie haben den Schritt davor
übersprungen.


ki4B: Was ist dieser Schritt davor?

Dr. Merk: Eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Was sind unsere Daten? Wie sind sie strukturiert?
Wer hat Zugang zu welchen Informationen?
Welche Prozesse sind dokumentiert – und welche
existieren nur im Kopf von drei Mitarbeitern,
die seit zwanzig Jahren dabei sind?

KI kann nur so gut sein wie die Datenbasis,
auf der sie arbeitet. Und in den meisten
mittelständischen Unternehmen in Deutschland,
Österreich und der Schweiz ist diese Datenbasis
– gelinde gesagt – ausbaufähig.

Unternehmensberaterin erklärt KI-Readiness Audit
Ein KI-Audit beginnt nicht mit Technologie – sondern mit Fragen. Bild: ki4B

ki4B: Wie sieht ein KI-Audit in der Praxis aus?
Wo fangen Sie an?

Dr. Merk: Ich beginne immer mit drei Fragen
an die Geschäftsführung. Erstens: Nennen Sie
mir die fünf Prozesse in Ihrem Unternehmen,
die die meiste manuelle Arbeitszeit verbrauchen.
Zweitens: Wo entstehen die meisten Fehler –
und warum? Drittens: Welche Entscheidungen
treffen Sie regelmäßig, für die Sie nie genug
Daten haben?

Die Antworten auf diese drei Fragen zeigen mir
in neunzig Prozent der Fälle, wo KI den größten
Hebel hätte. Nicht dort, wo es cool klingt.
Dort, wo es wehtut.


ki4B: Gibt es typische Schwachstellen,
die Sie immer wieder sehen?

Dr. Merk: Vier, die sich wiederholen.

Das erste ist die Dateninsellage. Vertrieb,
Finanzen, HR und Operations arbeiten mit
getrennten Systemen, die nicht miteinander
sprechen. KI braucht aber einen integrierten
Datenstrom – keine Silos.

Das zweite ist fehlendes Prozessbewusstsein.
Viele Unternehmen können ihre eigenen Abläufe
nicht beschreiben. Was nicht beschreibbar ist,
kann nicht automatisiert werden.

Das dritte ist die Kompetenzlücke. Nicht bei
den Mitarbeitern – die lernen schnell. Sondern
in der Führungsebene. Wenn das Management KI
nicht versteht, kann es auch keine sinnvollen
Entscheidungen darüber treffen.

Und das vierte – das unterschätzteste – ist
die Risikokultur. Unternehmen, die intern keine
Fehlerkultur haben, werden auch mit KI keine
haben. KI-Systeme brauchen Iterationen,
brauchen das Eingeständnis, dass der erste
Versuch nicht perfekt ist. Wer das kulturell
nicht aushält, wird scheitern.

ki4B: Wie lange dauert ein solcher Audit
typischerweise?

Dr. Merk: Für ein mittelständisches Unternehmen
mit 50 bis 500 Mitarbeitern rechne ich mit vier
bis sechs Wochen für eine fundierte Analyse.
Das klingt nach viel. Aber ein Unternehmen, das
diesen Schritt überspringt und direkt in die
Implementierung geht, verliert im Schnitt
achtzehn Monate und erhebliche Budgets –
bevor es versteht, dass es am falschen Ort
angefangen hat. Das ist keine Schätzung.
Das sind meine Projektzahlen.


ki4B: Was empfehlen Sie Führungskräften,
die heute anfangen wollen – ohne externes
Beratungsmandat?

Dr. Merk: Drei Dinge.

Erstens: Machen Sie selbst eine Woche lang
den Selbsttest. Nutzen Sie ChatGPT, Claude
oder Perplexity für Ihre tägliche Arbeit –
nicht für alles, aber für drei konkrete
Aufgaben pro Tag. Schreiben Sie auf, was
funktioniert und was nicht. Sie werden in
fünf Tagen mehr verstehen als in zehn
Präsentationen über KI.

Zweitens: Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern.
Fragen Sie, welche Aufgaben sie als repetitiv
und sinnlos empfinden. Das sind Ihre ersten
Automatisierungskandidaten.

Drittens: Beauftragen Sie niemanden, der Ihnen
sofort ein Tool verkaufen will. Der erste
Schritt ist immer Diagnose. Wer mit der
Lösung beginnt, ohne das Problem zu verstehen,
verkauft – er berät nicht.


ki4B: Letzte Frage: Welches Unternehmen
im DACH-Raum macht KI-Transformation
Ihrer Meinung nach richtig?

Dr. Merk: Ich nenne keine Namen – das wäre
unfair gegenüber Unternehmen, die ich nicht
begleite und deren interne Realität ich
nicht kenne. Was ich sagen kann: Die
Unternehmen, die es richtig machen, reden
am wenigsten darüber. Sie bauen. Sie testen.
Sie scheitern intern, lernen daraus und
bauen weiter. KI-Transformation ist kein
Kommunikationsprojekt. Es ist Arbeit.

ki4B-Einschätzung: Das Gespräch mit Dr. Merk macht deutlich, dass KI-Readiness kein technisches, sondern ein organisationales Thema ist. Unternehmen, die heute in Diagnose investieren, sparen morgen bei der Implementierung. Die Frage ist nicht ob – sondern wann Sie anfangen, ehrlich hinzuschauen.

Der ki4B KI-Readiness Schnellcheck — 10 Fragen für Ihr Unternehmen

Beantworten Sie diese 10 Fragen mit Ja oder Nein:

  1. Sind Ihre Unternehmensdaten zentral
    gespeichert und strukturiert?
  2. Können Sie Ihre fünf zeitintensivsten
    Prozesse schriftlich beschreiben?
  3. Haben Ihre Mitarbeiter Zugang zu
    KI-Tools für die tägliche Arbeit?
  4. Gibt es in Ihrem Unternehmen eine
    definierte KI-Strategie?
  5. Weiß Ihre Führungsebene, wie ein
    LLM grundsätzlich funktioniert?
  6. Haben Sie einen Datenschutzbeauftragten,
    der KI-Themen begleitet?
  7. Gibt es interne Richtlinien zur Nutzung
    von KI-Tools durch Mitarbeiter?
  8. Kennen Sie Ihre Datenschutzrisiken
    beim Einsatz von Cloud-KI-Diensten?
  9. Haben Sie mindestens einen Piloten
    mit KI-Unterstützung durchgeführt?
  10. Haben Sie ein Budget für
    KI-Weiterbildung eingeplant?

https://www.bitkom.org/Themen/Technologien-Software/Kuenstliche-Intelligenz


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